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Saturday, 2. September 2000

Avantgarde-Dreiklang Kloster, Kreuzgang, Kunst

Wozu Informatiker fähig sind: Auf Schloss Dagstuhl haben sie einen ruhenden Pol der Welt-Forschung geschaffen - Ausstellung Gabriele Eickhoff

Das internationale Begegnungs- und Forschungszentrum Schloss Dagstuhl hat unter seinem Leiter Reinhard Wilhelm ein eigenes Kunst-Konzept entwickelt, das man auch im Internet studieren kann.

Informatiker müsste man sein. Und ins Kloster gehen. Ins Informatiker-Kloster. Dann hätte man das allerschönste Ambiente zum Denken und Schauen. Höchste Qualifikation als Wissenschaftler vorausgesetzt. Das internationale Begegnungs- und Forschungszentrum für Informatik in Schloss Dagstuhl macht's möglich. Zum zehnten Geburtstag öffnet es an diesem Samstag von 14 bis 18 Uhr seine Tore und lässt ins Innere blicken.

Wunderbar der moderne Kloster-Gedanke. Wie ein Kreuzgang ist der Neubau angelegt. Die Zimmer der Gast-Wissenschaftler von allen Kontinenten reihen sich in diesem Viereck, Mönchszellen gleich, aneinander, Mönchszellen von heute, versteht sich. Ganz einfach, aber keineswegs spartanisch, und außerordentlich geschmackvoll eingerichtet. Der Blick der Wissenschaftler fällt durchs Fenster, über kleine Balkone hinweg ins Grüne. Für Konzentration sind alle Voraussetzungen da. Damit in den Begegnungsräumen wirklich miteinander gesprochen wird, gibt's im ganzen Forschungszentrum auch kein Fernsehen, Internet ist - bei Informatikern! - auf ein Minimum zurückgeschraubt, und nur ein Weltempfänger sorgt für die Schreckensmeldungen. Keine Frage, dass die Wissenschaftler meist ihren Laptop mitbringen, den sie für ihre Arbeit brauchen.

Kloster - Kreuzgang - Kunst, ein Dreiklang in Dagstuhl. Die Kreuzgang-Wände zwischen den Gastzimmern gehören der Kunst, im Augenblick den Kartonschnitten und Zeichnungen von Gabriele Eickhoff, deren Ausstellung am heutigen Samstag um 16 Uhr eröffnet wird und bis zum 15. Oktober dauert. Bisweilen öffnen sich die Türen der modernen Mönchszellen, und heraus tritt etwa ein Amerikaner mit russisch oder estnisch klingendem Namen oder ein Inder mit Turban, ein Sikh. Das internationale Flair, die Verbindung von höchstem Wissenschafts-Anspruch und Kunst tun wohl. Schloss Dagstuhl hat ein eigenes Kunst-Konzept entwickelt, das der wissenschaftliche Direktor, Reinhard Wilhelm, verantwortet. Abgesehen von der Ausstellungsreihe im Kreuzgang, die zum Beispiel schon von Monika Zorn, Sigrun Olafsdóttir oder Alex Gern bestritten wurde, erwirbt das Informatik-Zentrum auch selbst Kunst. Auf eine eigenwillige Weise, über Anteilsscheine nämlich. Mehrere Spender können sich so am Erwerb eines Kunstwerks beteiligen, so dass die Finanzierung für den Einzelnen erträglich wird. Im Internet finden sich die zu kaufenden und die schon gekauften Werke samt den dazugehörigen Spendern, deren Namen auf diese Weise, wie einst die Stifter des Spätmittelalters, der frühen Bürgerzeit verewigt sind. Oft beteiligen sich die Wissenschaftler aus aller Herren Länder, die auf Dagstuhl Muße zum Denken, Diskutieren und Schauen hatten, am Kunst-Erwerb.

Am Augenfälligsten sind so in der Skulptur Akzente gesetzt, etwa mit zwei schwungvoll aufragenden Arbeiten von Sigrun Olafsdóttir in einem der lichten Innenhöfe. Zum Großartigsten auf dem grünen Gelände von Dagstuhl gehört eine Dauerleihgabe der Saarbrücker Stadtgalerie: das "Sprachrohr" ("Voice Scope") des Japaners Shiro Matsui.

Und nun Gabriele Eickhoffs Blätter an den Galerie-Wänden, zum Teil beim Stipendiaten-Aufenthalt 1998 auf Schloss Wiepersdorf entstanden. Rhythmische Geometrie, irreguläre tropfenartige Striche und feinste Farb-Abstufungen vereinen die Kartonschnitte der Saarlouiser Künstlerin. Subjektive Spiegel der brandenburgischen Landschaft. Zu wunderbarer Lockerheit, viel Sensibilität, Musikalität und Variationsreichtum hat Eickhoff in ihren Kreidezeichnungen gefunden. Eine sehr schöne und konsequente Entwicklung.

 

Ursula Giessler, Saarbrücker Zeitung vom 2. September 2000


Detail : Letzte Änderung 18.12.2017, 09:47 Uhr